Bücherwürmer und Leseratten: Wie aus Kindern begeisterte Leser werden – Vorbild Eltern

Kinder und Lesen: Gerade haben die Ferien begonnen und die Schulkinder packen ihre Bücher erleichtert in den Schrank. Lesen gehört für viele automatisch zur Schule. In der Freizeit dagegen haben Bücher nichts zu suchen. Dass das ein Verlust ist, darüber ist man sich großteils einig. Im Gegensatz zu früher haben Bücher auch eine wirklich schwere Konkurrenz bekommen: Smartphones, Videospiele und Social Media. Eine gute Lesekompetenz ist aber – und das ist immer noch zuwenigen bewußt – für den sinnvollen Umgang mit diesen Medien unerlässlich. Vor allem aber ist sie die Grundvoraussetzung, um überhaupt eine Wahlmöglichkeit zwischen beidem zu haben: will ich lieber lesen, oder lieber Minecraft spielen. Solange das Lesen als mühevoll empfunden wird und als etwas, das zur Schule gehört, hat es gegen den Rest keine Chance.

Ich möchte mich in den folgenden Wochen intensiv dem Thema „Kinder und Lesen“ widmen. Die Ferienzeit ist geradezu ideal dafür, einen neuen Zugang zu Büchern zu finden. Denn jetzt haben die Kinder die Möglichkeit, sich nur das rauszupicken, worauf sie Lust haben.

Grundvoraussetzungen zuhause schaffen

Als Eltern haben Sie eine Fülle an Möglichkeiten, Ihren Kindern das Lesen zur Selbstverständlichkeit werden zu lassen. Wenn Sie die nutzen, unterstützen Sie die Arbeit, die die Pädagoginnen und Pädagogen im Kindergarten und der Schule leisten. Versuchen Sie aber, keine Erwartungen zu haben. Die Lesekarrieren sind ganz unterschiedlich. Vielleicht gibt es eine Phase, in der ihr ehemals buchvernarrtes Kind kein Buch anrührt. Versuchen Sie gelassen zu bleiben. Am Ende können Sie ohnehin nur die Basis legen und damit haben Sie das Beste getan, was möglich ist.

Mit welchen Folgen Kinder später zu kämpfen haben, wenn die Lesebegleitung zuhaus ausbleibt, lesen Sie hier.

Kinder und Lesen. Je früher desto….

Man muss gar nicht lange warten, um Kinder mit Bücher vertraut zu machen. Schon nach ein paar Monaten sind Babies bereit, sich Bilderbücher anzusehen. Natürlich brauchen sie am Anfang keine große Auswahl. Im Gegenteil: der Wiedererkennungseffekt begeistert Babies am allermeisten. Also stellen Sie sich ruhig auf eine sehr eintönige Lektüre ein. Sie werden monatelang mit gerade mal einer Handvoll dieser dicken, kleinen Pappbücher locker auskommen. Ganz zu Beginn reichen sogar schwarz-weiß Bücher. Wenn Sie das Lesen gleich mit dem ins Bettbringen verbinden, haben Sie auch noch ein Ritual, dass Sie und Ihre Kinder ganz lange begleiten wird (und die Kinder außerdem leichter in den Schlafanzug bringt).

Weil Babies schon die vertraute Stimme eine Wonne ist, können Sie selbst ihren aktuellen Roman einfach laut vorlesen. So verbindet Ihr Kind: Buch + vertraute Stimme = Wohlbefinden.

Eigenständiges auswählen stärkt das Selbstbewußtsein

Es gibt Kinder, die zwar wissen, wie man über ein iPad wischt, aber keine Ahnung haben, wie man eine Seite umblättert. Das ist nicht übertrieben. In vielen Kindergärten haben die Pädagoginnen und Pädagogen damit zu tun. Die Gründe dafür sind sicher vielfältig. Sie reichen von überforderten Eltern bis zu wohlmeinenden Eltern, die ihre Kinder auf die Zukunft vorbereiten wollen. Im Ergebnis wird den Kindern aber eine wichtige Erfahrung vorenthalten. Vor allem auch die Erfahrung der Selbständigkeit: Kinder können schon früh in einer Bücherei selbst auswählen, durch die Kisten mit Bilderbüchern wühlen und herausfinden, was ihnen gefällt. Aus dem Buchregal ein Buch rausziehen und sich vielleicht nur die Bilder anzuschauen, das geht deutlich früher, als sich ohne Hilfe mit dem Smartphone zu beschäftigen. Diese Möglichkeit völlig selbständig zu handeln, stärkt das Selbstbewußtsein.

Was machen denn Mama und Papa da?

Gehören Bücher auch zu Ihrem Leben? Lesen Sie selbst regelmäßig? Dann sind die Chancen groß, dass auch Ihre Kinder das tun. Denn wenn Mama und Papa ihren Kopf gerne in Bücher stecken, dann muss ja wohl was dran sein. Wenn Ihre Kinder Sie fragen, was Sie da gerade für ein Buch lesen, speisen Sie sich nicht mit „Das verstehst Du noch nicht“ ab. Sie finden sicher altersgerechte Formulierungen für das Sachbuch oder den Roman, in den Sie zur Zeit vertieft sind. Manche Kinder können es kaum erwarten, bis Mama oder Papa das nächste Kapitel gelesen haben und dann darüber berichten. Auch das ist eine großartige Gelegenheit ins Gespräch zu kommen.

Eine schöne Möglichkeit zusammen Zeit zu verbringen und gleichzeitig den eigenen Interessen nachzugehen ist eine gemeinsame Lesezeit, in der alle ihr eigenes Buch lesen. Gestalten Sie diese Zeit als etwas Besonderes. Vielleicht kochen Sie einen Kakao und stellen Kekse dazu. Vielleicht machen Sie ein Leselager auf dem Boden. Überlegen Sie gemeinsam und genießen Sie die gemeinsame Zeit, in der jeder in seine eigene Welt abtaucht.

Falls Sie es nicht so mit Bücher haben (vielleicht weil Sie selbst zuhause oder in der Schule hemmende Erfahrungen gemacht haben), dann wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, einen neuen Anlauf zu machen. Wenn Sie sich in einer Bücherei einschreiben, können Sie gustieren. Ein Buchfehlgriff kostet Sie dann auch nichts.

Neugier statt Bewertung

Da sind wir dann auch schon bei etwas ganz Zentralem: Bewerten Sie nicht, was Ihre Kinder lesen (solange es altersgerecht ist). Selbst wenn es „nur“ Stapel von Comics sind – zeigen Sie Interesse. Es gibt sicher Gesprächsstoff für Sie und Ihre Kinder. Vielleicht ist es schwer auszuhalten und wir empfinden es möglicherweise als ausgemachten, seichten Quatsch. Aber darum geht es nicht. Sie können sicher sein, Ihre Kinder werden irgendetwas aus jedem Buch mitnehmen. Wenn Sie dagegen die Lektüre negativ bewerten, passiert nur folgendes: Ihr Kind bezieht die negative Bewertung auf sich und verliert am Ende das Interesse am freiwilligen Lesen ganz.

Gehen Sie auch nicht zu sehr von sich selbst aus. Sie haben als Kind gerne und viel gelesen? Sie haben schon früh ganze Bücher verschlungen und Sachbücher durchgeforstet? Durch Ihr Kind haben Sie die Möglichkeit auch Neues kennenzulernen. Schließlich sind ja inzwischen auch ein paar neue Kinderbücher auf den Markt gekommen…

Spaß – nicht Aufgabe

Wenn man in der Erziehung an Grenzen stößt, dann ist man schnell verleitet mit „Wenn-Dann“ Szenarien etwas zu erreichen. Auch wenn es mehr Ausdauer erfordert: machen Sie Lesen nicht zu einer Voraussetzung für etwas anderes. „Wenn Du 30 Minuten gelesen hast, dann darfst Du Fernsehen/ein Eis essen/Radfahren“. Die Botschaft ist: erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Ich wüßte keinen schnelleren Weg, um Lesen in der Wahrnehmung der Kinder mit Mühe und Anstrengung zu verknüpfen.

Auch Testfragen vergällen die Freude am Vorlesen ganz schnell. Kinder finden an einer Geschichte vielleicht ganz andere Dinge wichtig als wir. Außerdem drängen zu viele Fragen die Kinder dazu in eine bestimmte Richtung zu denken – nämlich die, in der der Fragende denkt. Damit geht eine Fülle von Möglichkeiten verloren. Überlassen Sie das Fragen Ihren Kindern – die wissen, was sie wissen wollen.

Die Medaille mit nur einer Seite

Vorlesen (wenn positiv und ohne Leistungsdruck gestaltet) hat nur Vorteile. Das kann man nicht von vielen Dingen sagen. Ich traue mich zu behaupten, dass es keine Kinder gibt, die sich darüber beschweren würden, wenn sich ihre Eltern Zeit nehmen und ihnen etwas vorlesen. Auch als Erwachsene blickt sicher niemand auf die eigene Kindheit zurück und denkt genervt daran, wie man gemeinsam in eine Geschichte eingetaucht ist.

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192 Seiten, EUR 16,80

Prof. (a.o.) Göran Askeljung ist Autor und Inhaber von BrainRead, Geschäftsführer und Senior Trainer bei Askeljung.com und immediate effects, Certified Facilitator und Partner von Consensus in NY, und Leitet Consensus Österreich und Deutschland. Er ist Professor am Institut für Sales & Negotiation am Georgian School of Management, Vorstandsmitglied in der Schwedischen Handelskammer in Österreich und Mitglied des Beirats von WdF. Er war früher u.a. als Managing Director von Microsoft MSN in Österreich und Geschäftsbereichsleiter von Ericsson Data CEE in Wien tätig. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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