Lesen – speichern – anwenden: so unterstützen Sie Ihr Gehirn

Leseerwartung

Wie Sie zeitsparend Wissen speichern

Schon wieder hat er sich in eine Diskussion mit dem Nachbarn eingelassen. Das Gespräch fing ganz harmlos an, bis der Nachbar eine völlig verschrobene Behauptung zum Klimaschutz vom Stapel ließ. Georg hatte erst am Wochenende einen sehr langen, ausführlichen Artikel dazu gelesen und hätte jetzt gerne Paroli geboten. Er fühlte sich gut gewappnet, schließlich hatte er sich viel Zeit genommen, alles zu verstehen. Aber jetzt konnte er selbst nur mit dünnen Behauptungen kontern. Die Zusammenhänge schwirrten wie lose Fäden in seinem Kopf herum – wenn er sich überhaupt noch an sie erinnern konnte. Es war wirklich ärgerlich. Er beendete das Gespräch nicht gerade höflich, ging zurück ins Haus, kramte die Zeitung aus dem Altpapier, suchte den Artikel und begann ihn nochmal von vorne zu lesen.

Nur gelesen reicht nicht

Eine alltägliche Situation, wie wir sie alle kennen: wir lesen etwas, was uns wirklich interessiert; wir vertiefen uns in die Details; vollziehen die Argumentation des Geschriebenen nach und wollen so viel wie möglich vom neuen Wissen speichern. Aber wenn wir es abrufen wollen, ist nur noch ein äußerst wackeliges Gerüst vorhanden.

Indem unser Gehirn uns in diesen Situationen im Stich lässt, will es uns eigentlich nur einen Gefallen tun. Durch das einmalige Lesen haben wir ihm nämlich noch nicht gesagt: „Achtung, das ist wichtig. Bitte merken“. Würde unser Gehirn nämlich Wichtiges und Unwichtiges gleich bewerten, wir würden vor lauter Reizüberflutung wahrscheinlich verrückt. An dieser Stelle also einmal ein Dankeschön an unser Gehirn!

Was können wir also tun, um unseren Gehirn zu sagen, dass etwas für uns wichtig ist und wir es uns merken wollen? Wir müssen wiederholen.

Helfen Sie Ihrem Gehirn durch Chunken

Setzen wir einmal voraus, dass Sie es Ihrem Gehirn schon leicht machen, weil Sie ihm durch das Chunken mehr sinnvolle Einheiten in kürzerer Zeit zur Verfügung stellen. Ihr Kurzzeitgedächtnis speichert ca. 30 Sekunden und kann bis zu fünf Einheiten verarbeiten. Wenn Sie also chunken, füttern Sie Ihr Kurzzeitgedächtnis nicht nur mit bis zu fünf einzelnen Wörtern, sondern mit bis zu fünf Wortgruppen. Es liegt auf der Hand, dass Sie durch das Chunken einen größeren Sinnzusammenhang erfassen können. Das wiederum ist die Voraussetzung, damit etwas vom Kurzeit- ins Langzeitgedächtnis wandert.

Dazu gibt es eine unterhaltsames Experiment. Legen Sie sich eine Stoppuhr zurecht und öffnen Sie das Dokument erst, nachdem Sie die Anweisungen gelesen haben:

  • Nehmen Sie sich für jeden Block 20 Sekunden Zeit und versuchen Sie sich die Begriffe zu merken. Decken Sie die nachfolgenden Blöcke mit einem Papier ab.
  • Nach 20 Sekunden decken Sie den Block ab und schreiben alle Begriffe auf, an die Sie sich erinnern können.
  • Jetzt nehmen Sie sich den nächsten Block in genau der gleichen Weise vor.

Sie haben sicher festgestellt, dass Sie sich die Wörter im letzten Block mühelos merken konnten. Eventuell können Sie sie sogar morgen noch wiederholen. Die Wörter des ersten Blocks dagegen waren eine Herausforderung. Wie viel konnten Sie sich davon merken? Drei, fünf, vielleicht sogar sieben? Und jetzt, wie viele Silben können Sie jetzt noch abrufen?

Der Grund dafür liegt im fehlenden Sinn. Deshalb – nochmals dankeschön – macht sich unser Gehirn nicht die Mühe, die Silben in irgendeiner Form zu verarbeiten. Es denkt sich „Weg damit, ich brauche meine Energie für was Sinnvolles.“

Mehr Sinn durch chunken

Je mehr Sinn wir unserem Gehirn also im Kurzzeitgedächtnis zur Verfügung stellen, desto mehr unterstützen wir es, das Gelesene ins Langzeitgedächtnis zu überführen. Geübte Chunker lesen demnach nicht nur schneller, sondern können auch mehr behalten.

Wenn die Information im Langzeitgedächtnis gelandet ist, können wir es durch Wiederholung so verfestigen, dass es jederzeit abrufbereit ist. Man kann sich das wie die Entstehung eines Weges über eine Wiese vorstellen. Beim ersten Mal sieht man nur einzelne Fußspuren. Nach und nach kann man den Weg schon von Anfang bis zum Ende gut erkennen und irgendwann ist der Weg so ausgetrampelt, dass man ihm von selbst folgen kann.

Wie oft wir etwas wiederholen, hängt nicht nur davon ab, wie sattelfest wir die Informationen speichern möchten. Ganz wesentlich ist auch, ob unser Gehirn das Gelesene mit schon Vorhandenem verbinden kann. Ein völlig neues Wissensgebiet benötigt mehr Wiederholungen, als Informationen zu einem Thema, auf dem Sie schon bewandert sind.

Georg, der sich mal wieder über sich selbst ärgert, hätte durch das Chunken nicht nur mehr vom komplexen Sachverhalt verstanden. Er hätte in der gleich Zeit, die er für das konventionelle Lesen braucht, den Artikel auch mehrmals lesen können. Damit wäre das Gelesene nachhaltiger in seinem Gedächtnis verankert worden und er hätte seinem Nachbarn schnell den Wind aus den Segeln genommen.

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192 Seiten, EUR 16,80

Göran Askeljung

Prof. (a.o.) Göran Askeljung ist Autor und Inhaber von BrainRead, Geschäftsführer und Senior Trainer bei Askeljung.com und immediate effects, Certified Facilitator und Partner von Consensus in NY, und Leitet Consensus Österreich und Deutschland. Er ist Professor am Institut für Sales & Negotiation am Georgian School of Management, Vorstandsmitglied in der Schwedischen Handelskammer in Österreich und Mitglied des Beirats von WdF. Er war früher u.a. als Managing Director von Microsoft MSN in Österreich und Geschäftsbereichsleiter von Ericsson Data CEE in Wien tätig. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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2017-03-27T09:15:33+00:00